Hannover und Schalke schreiben Geschichte und bekommen leichte Gegner in der Europa League zugelost
Belohnung im Grimaldi Forum
Autokorso und Jubelfontänen nach Hannovers heroischer Abwehrschlacht in Sevilla
Vor einer Woche hätte es kaum jemand geglaubt, doch da saßen sie tatsächlich, im Grimaldi Forum von Monaco – die Vertreter von Schalke 04 undHannover 96. Ausgelost wurde die Gruppenphase der Europa League, und anstatt gar nicht, wie nach den wackligen Hinspielergebnissen befürchtet, ist die Bundesliga dort nun doppelt vertreten. Ein furioser Sturmlauf der Schalker gegen HJK Helsinki und eine heroische Abwehrschlacht der Hannoveraner beim favorisierten FC Sevilla verschafften ihren Funktionären die Dienstreise zum munteren Vereinsroulette. Weitere Trips der Sorte dürften folgen.
Denn als der Auslosungsmarathon beendet war und die insgesamt zwölf Vorrundengruppen feststanden, drängte sich eine simple Schlussfolgerung auf: Die beiden deutschen Klubs sollten die K.o.-Runde relativ problemlos erreichen. Anders als etwa der FC Bayern am Vortag bei der Champions-League-Auslosung erwischten sie ausnehmend leichte Aufgaben. Schalke trifft auf Steaua Bukarest, Maccabi Haifa/Israel und AEK Larnaka/Zypern. Hannover, dem als Neuling so starke Gegner wie Tottenham Hotspur, Atlético Madrid oder Paris St. Germain gedroht hatten, wird sich mit dem FC Kopenhagen, Standard Lüttich und Worskla Poltawa/Ukraine messen.
Besonders im Fall der 96er durfte das glückliche Los als verdiente Belohnung verstanden werden – schließlich hatte das Team von Erfolgstrainer Mirko Slomka am Vorabend bewiesen, dass es auch gegen hochkarätige Konkurrenz bestehen kann. Wie professionell die Niedersachsen im feurigen Estadio Ramón Sánchez Pizjuán von Sevilla ein 1:1 (Hinspiel 2:1) erwirtschafteten, ließ nicht erahnen, dass der Klub erstmals seit einer 0:3-Niederlage bei Ajax Amsterdam im Messepokal 1969/70 ein Europacup-Spiel im Ausland bestritt. “Wir haben ein Stück Geschichte geschrieben”, sagte Abwehrspieler Christian Schulz. Ähnlich hymnisch befand Slomka: “Die Mannschaft ist in Europa angekommen.”
Wie sehnsüchtig ihre Stadt genau darauf gewartet hatte, bekam die 96-Delegation bei ihrer Landung in Hannover-Langenhagen vor Augen geführt. Spritzenwagen der Flughafenfeuerwehr kreierten Jubelfontänen für die Helden der Nacht. Zuvor hatte es in der Heimat spontane Autokorsos gegeben, auch in Sevilla hatten die Spieler rauschend gefeiert – so groß war die Euphorie am Ende einer heißen andalusischen Nacht, in der Mohammed Abdellaoue mit der ersten Chance die Führung erzielte (23.), Emanuel Pogatetz ein Eigentor zum Ausgleich produzierte (37.) und der junge Nationaltorwart Ron-Robert Zieler mit der Souveränität eines Veteranen sein Tor vor weiteren Einschlägen bewahrte. Den Rest besorgten die teutonisch-aufopferungsvollen Grätschen und Befreiungsschläge seiner Teamkollegen. “Es war ein großer Fight und die heftigste Stimmung, die ich je erlebt habe”, sagte der zweifache Hinspiel-Torschütze Jan Schlaudraff. “Ich denke, man kann schon von einer Sensation sprechen.”
Auf ähnliche Thriller wird man gegen Kopenhagen, Lüttich und Poltawa wohl umsonst warten. Manager Jörg Schmadtke kommentierte die nächsten Aufgaben realistisch: “Das sind sportlich reizvolle Aufgaben”, sagte er, “aber es wird einem nicht gerade schwindelig bei den Namen.” Dennoch garantiert die Gruppenphase den Hannoveraner rund fünf Millionen Euro an Mehreinnahmen, wie Klubchef Martin Kind vorrechnete. Womöglich wird dafür auch noch einmal beim Personal nachgebessert.
Anders als in Hannover hatten sie auf Schalke die Erlöse aus der Gruppenphase schon fest einkalkuliert, umso größer war die Erleichterung, dass die Mannschaft das peinliche Hinspiel-0:2 von Helsinki noch fulminant umbiegen konnte. Ein 6:1 gegen die Finnen bedeutete den höchsten Europacup-Sieg der Vereinsgeschichte, allein Mittelstürmer Klaas-Jan Huntelaar steuerte vier Tore bei (15., 25., 49. 62.), zwei davon durch Elfmeter. Die weiteren Treffer erzielten Papadopoulos (49.) und Draxler (82.), es war ein höchst unterhaltsamer Abend, auch weil Schalkes “teilweise abenteuerliches Abwehrverhalten (Trainer Ralf Rangnick) locker für mehr Gegentore hätte sorgen können als den zwischenzeitlichen Ausgleich durch Pukki (20.).
Die Offensive und besonders das schnelle Umschalten waren Rangnick dafür ebenso ein Lob wert wie sein Angreifer Raúl, der trotz einer kurz vor der Pause erlittenen Platzwunde am Kopf die kompletten 90 Minuten durchspielte. “Da muss man einfach den Hut ziehen”, sagte Rangnick. Nach dem beendeten Wirrwarr um seine Zukunft wirkt Raúl befreit, die “Katastrophe” (Huntelaar) eines frühen Europapokal-Aus ist abgewandt, die nächsten Aufgaben erscheinen “interessant” (Rangnick), aber “machbar” (Sportdirektor Heldt). Sieht doch plötzlich alles gar nicht mehr so schlecht aus auf Schalke.
Quelle:welt.de
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